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Ist das Röntgenbild bei Arthrose noch zeitgemäß?

Das Röntgenbild ist fester Bestandteil der Diagnostik bei Verdacht auf Kniearthrose. Diese Vorgehensweise hat seinen Ursprung im 17. Jahrhundert als Descartes das  medizinische Bild für die kommenden Jahrhunderte prägte. Seine Auffassung war, dass der Geist und der Körper zwei getrennte Einheiten sind. Dadurch entstand die Möglichkeit, Gesundheit und Krankheit als zwei technische Mechanismen anzusehen. Dazu gehört die Annahme, dass Schmerzen aufgrund einer strukturellen Ursache entstehen. Beispielsweise entstehen die Schmerzen der Arthrose nach dieser Auffassung durch fehlenden Knorpel. Da Knorpel keine Schmerzrezeptoren hat und deshalb keinen Schmerzreiz auslösen kann [1], ging man davon aus, dass es die aufeinander reibenden Knochen sind, die den Schmerz verursachen. Andere Gelenkstrukturen wie der Knochen unter dem Knorpel, die Bänder, Sehnen, Menisken oder die Gelenkkapsel sind mit Schmerzrezeptoren versorgt [2, 3] und können deshalb Schmerzen auslösen. Diese Hypothese soll mit einem Blick in den Körper mittels Röntgenbild sichtbar bestätigt werden. Deshalb ist in dieser mechanisch geprägten Sichtweise ein bildgebendes Verfahren unabdingbar und ein Gelenkersatz unausweichlich. Letztere Annahme gründet auf der vorherigen Hypothese, dass der fehlende Knorpel schmerzauslösend ist und was weg ist, kann nicht wiederhergestellt werden. Glücklicherweise hat sich die Forschung in der Medizin seit dem 17. Jahrhundert weiterentwickelt, dennoch wehrt sich die mechanisch geprägte Denkweise vieler Fachkräfte noch immer gegen die überwältigenden Nachweise der modernen Medizin: Arthrose ist keine Verschleißerkrankung.

Ist ein Röntgenbild bei Kniearthrose aussagekräftig?

In einer Studie von über acht Jahren wurden Menschen ohne röntgenologische Arthrose (mittels Röntgenbild darstellbare Veränderung des Kniegelenkes) in zwei Gruppen unterteilt: eine Gruppe mit Risikofaktoren und eine ohne. Innerhalb von acht Jahren wurden mehrmals bildgebende Verfahren angewendet, um den Status der Arthrose zu verfolgen. Zwischenzeitlich war die Arthrose in der Risikofaktorengruppe stärker ausgeprägt, jedoch glich sich dies nach acht Jahren an. Somit unterschied sich die Arthrose auf den Bildern in beiden Gruppen nicht maßgeblich, aber die Übereinstimmung von Knieschmerzen und dem Befund des Röntgenbildes war deutlich höher in der Risikofaktorengruppe [4]. Das bedeutet, dass Röntgenbilder nicht dafür geeignet sind, normale Alterserscheinungen von schmerzhaften Veränderungen des Kniegelenkes zu unterscheiden. Verständlich ausgedrückt: Arthrose auf dem Röntgenbild, bedeutet nicht, dass der Auslöser für die Schmerzen gefunden ist.

Zu diesem Ergebnis kamen bereits andere Untersuchungen [5–8]. Interessanterweise haben 8 von 10 der Erwachsenen mit einer Arthrose im Röntgenbild keine oder unregelmäßig Gelenkschmerzen [5, 8] und bei nur einem von 10 Menschen mit häufigen und starken Gelenkschmerzen sind definitive arthrotische Veränderungen im Röntgenbild zu sehen [5, 8]. Das bedeutet, es kommt häufig vor, dass jemand im Alter Arthrose, aber keine Schmerzen hat (8 von 10) und starke Gelenkschmerzen nicht unbedingt mit Arthrose zusammenhängen (1 von 10). So kommt es zustande, dass Patienten in der Praxis erscheinen und über starke Schmerzen klagen, jedoch keine besonderen Auffälligkeiten im Röntgenbild vorweisen. Hingegen eine andere Person laut Röntgenbild überhaupt nicht mehr gehen können sollte, jedoch keine Beschwerden hat. Zudem zeigen Untersuchungen, dass eine Verschlechterung der Arthrose (ein höherer Grad) im Röntgenbild nicht übereinstimmend mit den Veränderungen des Gelenkschmerzes ist [9, 10]. Das bedeutet, wenn sich das Bild verschlechtert, verstärken sich nicht automatisch die Schmerzen und umgekehrt. Deshalb sollten die Befunde des Röntgenbildes bei Arthrose als ein Risikofaktor für eine schmerzhafte Situation im Kniegelenk und nicht als Ursache für die Schmerzen angesehen werden. Es bestehen viele weitere und wichtigere Faktoren, die die Schmerzen beeinflussen als das Röntgenbild.

Risikofaktoren für Arthrose

Zu den Risikofaktoren gehören: Ein höheres Alter, weiblich, vorherige Verletzungen des Kniegelenkes (Kreuzbandriss, Meniskusverletzungen oder Operationen), genetische Faktoren [11, 12], starke Gelenkfehlstellungen [11] und Übergewicht [13, 14]. Das Übergewicht hat einen deutlich größeren Einfluss auf die Arthrose als angenommen. Nicht nur die mechanische Last spielt eine Rolle. Sie stellt nur die Spitze des Eisbergs dar. Der größere und entscheidendere Faktor liegt unterhalb des Offensichtlichen. Da dieses Thema sehr wichtig und spannend ist, haben wir uns dazu entschlossen, einen seperaten Artikel dazu zu verfassen.

Diagnose Kniearthrose ohne Röntgenbild

Sichtbare Veränderungen im Röntgenbild geben keinen Aufschluss über eine schmerzhafte Situation im Kniegelenk, weshalb medizinische Leitlinien eine Diagnosestellung für Kniearthrose ohne Röntgenbild und stattdessen anhand klinischer Symptome empfehlen. Dadurch wird der Fokus vomm Bild auf die  Beschwerden des Menschen verlagert. So beginnt die patientenzentrierte Medizin bereits bei der Diagnosestellung und sollte in der weiteren Behandlung fortgeführt werden. Klinische Symptome, die einen Hinweis auf Arthrose geben, sind:

  • Älter als 45 Jahre
  • Aktivitätsabhängige Schmerzen
  • Keine Morgensteifigkeit oder Morgensteifigkeit, die nicht länger als 30 Minuten anhält.

Weitere Symptome können bestehen und müssen differentialdiagnostisch abgeklärt werden [15]. Sofern die eben aufgeführten Punkte auf Sie zutreffen, sehen Sie bitte von einer Selbstdiagnose ab und begeben Sie sich in eine ärztliche Untersuchung.

Diese Leitlinie beinhaltet zusätzlich die Versorgungsempfehlungen bei Arthrose. Diese decken sich mit den Empfehlungen vieler anderen Leitlinien und werden in einem separaten Artikel vorgestellt. Wir sind der Ansicht, dass Sie als Betroffener bestmöglich informiert sein sollten, damit Sie Ihre Behandlung selbstbestimmt antreten können. Deshalb haben wir in einem eBook eine Übersicht über die häufigsten Behandlungsmaßnahmen und deren Wirksamkeit zusammengestellt. Verständlich und alltagsnah erfahren Sie mehr über die Effektivität unterschiedlicher Behandlungsmaßnahmen. Hyaluronsäure, Kortison, Elektrotherapie, Bandagen, manuelle Therapie und viele weitere Therapien wurden auf den Prüfstand gestellt. Unsere Vision ist, dass Sie zum Experten Ihres Problems werden.

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Literatur

1      Felson DT. The sources of pain in knee osteoarthritis. Curr Opin Rheumatol; DOI: 10.1097/01.bor.0000172800.49120.97

2      Eitner A, Hofmann GO, Schaible H-G. Mechanisms of Osteoarthritic Pain. Studies in Humans and Experimental Models. Front Mol Neurosci; DOI: 10.3389/fnmol.2017.00349

3      Schaible H-G, Richter F, Ebersberger A, Boettger MK, Vanegas H, Natura G, Vazquez E, Segond von Banchet G. Joint pain. Exp Brain Res; DOI: 10.1007/s00221-009-1782-9

4      Magnusson K, Kumm J, Turkiewicz A, Englund M. A naturally aging knee, or development of early knee osteoarthritis? Osteoarthr Cartil; DOI: 10.1016/j.joca.2018.04.020

5      Bedson J, Croft PR. The discordance between clinical and radiographic knee osteoarthritis: a systematic search and summary of the literature. BMC Musculoskelet Disord; DOI: 10.1186/1471-2474-9-116

6      Cubukcu D, Sarsan A, Alkan H. Relationships between Pain, Function and Radiographic Findings in Osteoarthritis of the Knee: A Cross-Sectional Study. Arthritis; DOI: 10.1155/2012/984060

7      Culvenor AG, Øiestad BE, Hart HF, Stefanik JJ, Guermazi A, Crossley KM. Prevalence of knee osteoarthritis features on magnetic resonance imaging in asymptomatic uninjured adults: a systematic review and meta-analysis. Br J Sports Med; DOI: 10.1136/bjsports-2018-099257

8      Kim C, Nevitt MC, Niu J, Clancy MM, Lane NE, Link TM, Vlad S, Tolstykh I, Jungmann PM, Felson DT, Guermazi A. Association of hip pain with radiographic evidence of hip osteoarthritis: diagnostic test study. BMJ; DOI: 10.1136/bmj.h5983

9      Collins JE, Katz JN, Dervan EE, Losina E. Trajectories and risk profiles of pain in persons with radiographic, symptomatic knee osteoarthritis: data from the osteoarthritis initiative. Osteoarthr Cartil; DOI: 10.1016/j.joca.2014.03.009

10    Dieppe PA, Cushnaghan J, Shepstone L. The Bristol ‘OA500’ Study: progression of osteoarthritis (OA) over 3 years and the relationship between clinical and radiographic changes at the knee joint. Osteoarthr Cartil; DOI: 10.1016/S1063-4584(97)80002-7

11    Martel-Pelletier J, Barr AJ, Cicuttini FM, Conaghan PG, Cooper C, Goldring MB, Goldring SR, Jones G, Teichtahl AJ, Pelletier J-P. Osteoarthritis. Nat Rev Dis Primers; DOI: 10.1038/nrdp.2016.72

12    Spector TD, MacGregor AJ. Risk factors for osteoarthritis: genetics. Osteoarthr Cartil; DOI: 10.1016/j.joca.2003.09.005

13    Felson DT, Anderson JJ, Naimark A, Walker AM, Meenan RF. Obesity and knee osteoarthritis. The Framingham Study. Ann Intern Med; DOI: 10.7326/0003-4819-109-1-18

14    Gelber AC, Hochberg MC, Mead LA, Wang N-Y, Wigley FM, Klag MJ. Body mass index in young men and the risk of subsequent knee and hip osteoarthritis11Access the “Journal Club” discussion of this paper at http://www.elsevier.com/locate/ajmselect. The American Journal of Medicine; DOI: 10.1016/S0002-9343(99)00292-2

15    National Institute for Health and Care Excellence. Osteoarthritis: care and managementOsteoarthritis: care and managemen. Im Internet: nice.org.uk/guidance/cg177

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